Advertising for the cops?

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Werbung für die Bullen?

Angehende Fotojournalisten beobachten vier Monate lang auf Einladung der Polizei deren Arbeit, begleiten Einsätze, besuchen Dienststellen, fotografieren – eine unglaubliche Vorstellung für viele Vertreter beider Seiten. 


Zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 begleiteten 12 Studierende des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover auf Einladung der Polizeidirektion Hannover einzelne Beamte oder ganze Einheiten der Polizei rund um die Uhr und fotografierten ihren Arbeitsalltag. Die dargestellten Themen decken ganz unterschiedliche Aspekte der Polizeiarbeit ab. Ziel des Projektes war die Erstellung von 12 Bildstrecken über die Arbeit der Polizei Hannover. Bildstrecken, die anschließend als Teil der Öffentlichkeitsarbeit zur Darstellung der Polizeiarbeit sowohl nach Innen als auch nach Außen genutzt werden sollen. Diese Fotos sind Public-Relations-Fotos. Die Polizei Hannover setzt mit diesem Projekt eine journalistische Fotografie so ein, wie es Unternehmen weltweit seit Jahrzehnten tun. Die Fotografinnen und Fotografen waren aufgefordert, die Arbeit der Polizei zu beobachten und aus der jeweiligen Situation heraus in Bilder zu übersetzen. Dies entspricht einem normalen Auftrag, wie ihn Fotografen erhalten, die mit journalistischen Stilmitteln sowohl für Zeitungen und Zeitschriften, aber auch für Unternehmen und Verbände arbeiten.

Wir erleben heute das Verschwinden der Grenzen zwischen Fotojournalismus, Werbung, Public Relations und Kunst. Ganz selbstverständlich bewegen sich Fotografinnen und Fotografen inzwischen gleichzeitig auf diesen Feldern. Die gleichen Fotos werden im Rahmen einer redaktionellen Berichterstattung in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt, als eigene freie Projekte im Internet, in Büchern oder Ausstellungen publiziert oder zur Werbung und PR eingesetzt. Der Fotojournalismus sucht seinen Platz in den Medien. Seit Jahrzehnten bestimmt die werbetreibende Industrie die Erscheinungsbedingungen journalistischer Massenmedien. Die im Rückblick scheinbar goldenen Jahre des Fotojournalismus sind vorbei. Immer öfter wird die Krise des Fotojournalismus beschworen – die in Wirklichkeit nur eine Krise der Kreativität der Verantwortlichen in den Verlagen ist. Festivals mit zehntausenden Besuchern beweisen die ungebrochene Kraft des Mediums und das öffentliche Interesse daran. Dies ist ein Grund, weshalb Unternehmen und Verbände statt herkömmlicher Werbung immer häufiger journalistische Fotografie für ihre Selbstdarstellung benutzen und damit erfolgreich sind. Vielfach sind Unternehmen heute für Fotografen finanziell und inhaltlich sehr viel attraktivere Auftraggeber als Zeitungen und Zeitschriften, in denen Anzeigenabteilungen auf journalistische Inhalte Einfluss zu nehmen versuchen. Angehende Journalisten müssen mit dieser Situation umgehen. Ganz selbstverständlich machen Journalisten – schreibende und fotografierende - deshalb inzwischen auch PR. Doch egal, ob ein fotografierender oder schreibender Autor für die Redaktion einer Zeitung oder Zeitschrift arbeitet oder für ein Unternehmen, kein Auftraggeber und kein Honorar kann ihn entbinden von seiner Pflicht, die eigene Arbeit vor sich selbst zu verantworten. Fotografen sind in Public Relations wie auch im Journalismus ihrem Gewissen verpflichtet. 

 

Die Studierenden des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Fachhochschule Hannover erlernen eine wirklichkeitsbezogene Fotografie und sollen nach ihrer Ausbildung für Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften ebenso tätig werden können, wie für Unternehmen und Verbände. Sie sollen mittels ihrer Fotografie in persönlichen Projekten eine eigene Haltung vertreten, aber auch für Auftraggeber in deren Sinne tätig werden können.

Dieses Projekt war sowohl für die Fotostudenten als auch für die Polizeibeamten eine professionelle Grenzerfahrung. Das Projekt verschaffte beiden Gruppen Einblicke in die Arbeit der Anderen, die sonst verborgen bleiben. Die Dauer des Projektes und die dabei unvermeidlich entstandene persönliche Nähe entlarvte Vorurteile – auf beiden Seiten. Bis zum Beginn dieses Projektes hatten alle Beteiligten meist nur eine vage Vorstellung von den Vertretern der anderen Seite. Es waren Bilder im Kopf, die im Laufe von Jahren als Ergebnis von flüchtigen Begegnungen, zum Teil unter Extrem-Situationen, entstanden waren. In der persönlichen Begegnung hielten sie nun einer Überprüfung zumeist nicht stand. Für die angehenden Fotografinnen und Fotografen war dieses Projekt deshalb eine Herausforderung. Dem Reiz, einmal hautnah die Situationen zu erleben, die sie sonst nur im Kino oder auf der Mattscheibe zu sehen bekommen stand das eigene professionelle Selbstverständnis gegenüber, die Arbeit einer Berufsgruppe zu dokumentieren, die immer wieder in besonderer Weise im Fokus der Öffentlichkeit steht. Es galt dabei, trotz der Auftragssituation, eine kritische Distanz zu bewahren sich dennoch auf Menschen und Situationen einzulassen. Die Studierenden erlebten den ganz normalen Polizei-Alltag mit Höhepunkten und Niederlagen. Getragen von kritischer Sympathie ebenso wie Offenheit und Respekt entstand im Laufe dieser vier Monate durch die Studierenden ein sehr differenziertes Bild der Polizeiarbeit. Einer Arbeit, die die Beamten immer wieder zwingt, an persönlichen und gesellschaftlichen Grenzen zu operieren. Die Studierenden erprobten dabei die Form der Reportagefotografie zur Darstellung eines großen Unternehmens. Die Polizei Hannover erlaubte den 12 Fotografinnen und Fotografen einen Einblick in ihre Arbeit, wie er in diesem Umfang in Deutschland bisher kaum möglich war. Die Verantwortlichen dieses Projektes, Polizeioberrätin Claudia Puglisi und Polizeipräsident Uwe Binias hinterfragen durch den Auftrag zu diesem Projekt mittlerweile überholte aber immer noch verbreitete Formen der Werbung, die inzwischen aber mehr Zweifel wecken als Vertrauen schaffen.

 

Prof. Lars Bauernschmitt

Sprecher des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie

März 2011 / September 2017


English

Advertising for the cops?

By invitation, future photojournalists observed the police at work for four months. This involved accompanying them on their deployments, visiting stations, and taking photos – an unbelievable idea for many representatives of both parties. 

From October 2010 until January 2011, by special invitation from the police, 12 students of the Photojournalism and Documentary Photography program at Hanover University of Applied Sciences and Arts accompanied individual police officers or entire units around the clock and photographed their daily work. The topics portrayed cover many different aspects of police work. The aim of the project was to create 12 photo series about the work of Hanover’s police force, photo series which were ultimately to be used as a component of the PR work in portraying police work from both within and without. In other words, these photos are PR photos. With this project, the Polizei Hannover uses a journalistic photography style in the same way that companies around the world have done for decades. The photographers were challenged to observe police work and translate each respective situation into images. This corresponds to any normal job photographers might take on in their work with journalistic styles for newspapers and magazines, companies and associations.

We are currently experiencing the dissolution of the boundaries between photojournalism, advertising, public relations and art. Nowadays, it is understood that photographers move in all of these fields. The same photos are printed within the framework of editorial reporting in newspapers and magazines, shown as a freelance project online, published in books or exhibitions and used as a component of advertising or PR. Photojournalism is trying to find its place in the media. For decades, the advertising industry has determined the publication conditions of the journalistic mass media. What in hindsight seem to be the golden years of photojournalism have passed. More and more often, people complain of a crisis in photojournalism, which is actually merely a crisis of creativity among those responsible at the publishing houses. Festivals with tens of thousands of visitors prove the unbroken power of photography as a medium and the public’s interest in it. This is a reason that companies and associations are, with increasing frequency and success, using journalistic photography instead of more traditional forms of advertising to portray themselves. In many ways, companies now represent much more attractive clients, both financially and with respect to content, than do newspapers and magazines, whose advertising departments try to influence journalistic content. Up-and-coming journalists must know how to deal with this situation. Naturally, journalists- this includes writers and photographers – are now also active in PR. It doesn’t matter whether photographers or writers work for the editorial office of a newspaper or magazine or for a company: no client and no fee can release them from their duty to show responsibility for their work. In PR as in journalism, photographers must answer to their conscience.

The students of the Photojournalism and Documentary Photography program at Hanover University of Applied Sciences and Arts learn reality-based photography. Upon graduation, they are equally able to work for the editorial offices of newspapers and magazines as well as for companies and associations. With their photography work in personal projects, they can represent their own attitudes, but they can work in the same spirit for clients. 

For both the photography students and the police officers, this project was a professional borderline experience. For each respective group, it provided insight into the work of the other which would otherwise remain hidden from view. The duration of the project and the inevitable personal proximity which came about revealed prejudices on both sides. Before the project, all participants had only a vague idea of the representatives of the other side. They had images in their heads which over the years had resulted from fleeting encounters, at times in extreme situations. In the personal encounters, these preconceived notions did not withstand deeper scrutiny. For the future photographers, the project was therefore a real challenge. The excitement of experiencing a situation up close, which otherwise would be experienced only at the cinema or on screen, was juxtaposed against the photographers’ own professional concept of documenting the work of a professional group that comes into public focus in particular ways again and again. A main component of the challenge consisted in maintaining a critical distance despite the situation, yet still be open to people and situations. The students experienced ordinary, everyday police work with all its high points and defeats. Carried by critical sympathy as well as openness and respect, the students’ four months on the project led to a varied image of police work. Again and again, police work forces officers to operate at their personal and social limits. On the other hand, the students tested the form of reportage photography as a portrayal of a large enterprise. The Polizei Hannover allowed the 12 photographers a view of their work at a level which had hitherto hardly been possible in Germany. Those responsible for the project, Police Superintendent Claudia Puglisi and Commissioner Uwe Binias, are questioning now-outdated, yet still widely used forms of advertising which currently arouse more doubt than confidence. 

Prof. Lars Bauernschmitt

Spokesman for the Photojournalism and Documentary Photography program

March 2011 / September 2017